Mitarbeiter begrüßen einen Roboter-Kollegen

Der etwas andere Kollege. Was Roboter arbeitspsychologisch mit Mitarbeitern machen, lesen Sie im Beitrag. Symbolbild: stock.adobe.com/LIGHTFIELD STUDIOS

| von Simon Nördinger

Was macht eigentlich ein Roboter mit Ihren Mitarbeitern - arbeitspsychologisch? Und was müssen Sie, als Geschäftsführer tun, um diese Veränderung für alle Beteiligten spürbar positiv zu gestalten? Nun: Zunächst einmal ist die Angst vor Veränderung ein Thema, das nicht nur die Einführung von Robotern betrifft. Der Mensch ist in vielen Fällen ein Gewohnheitstier. Ihre Mitarbeiter bevorzugen es, wenn Arbeitsprozesse gut eingespielt sind und jeder sein Aufgabenfeld hat, wo er sich idealerweise kompetent und gut aufgehoben fühlt. Wird diese Harmonie durch einen neuen Kollegen gestört, der gewohnte Routinen grundsätzlich in Frage stellt, können sich Mitarbeiter schnell in ihren Fähigkeiten eingeschränkt fühlen und die Angst entwickeln, ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Wenn dieser neue Kollege dann noch ein Roboter ist und bestimmte Dinge vermeintlich besser und effizienter gestalten soll, als dies bisher je möglich war, so kann dies das Betriebsklima ernsthaft gefährden. Wir klären auf: Was ein neuer Roboter-Kollege aus Arbeitspsychologie-Perspektive mit Ihren Mitarbeitern macht und wie Sie Ihre Mitarbeiter bestmöglich vorbereiten, erklären uns zwei Arbeitspsychologie-Experten.

Verzeichnis (per Klick auf die Links gelangen Sie direkt zum jeweiligen Kapitel):

Unsere Experten wissen: Warum Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) auch Psychologie ist

Dr. Paul C. Endrejat hat an der TU Braunschweig zum Thema Veränderungsmotivation promoviert. Er ist Post-Doc am Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Hamburg und Mitgründer der Beratungsfirma The Why Guys, die Organisationen dabei unterstützt, eine Innovationskultur zu etablieren.

 

Kathrin Meyer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am LIT Robopsychology Lab der Johannes Kepler Universität Linz. Sie studierte Computer-basiertes Lernen und Human-Centered Computing an der Fachhochschule Oberösterreich in Hagenberg. Im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit für die Entwicklung und Einführung neuer Technologien steht immer der Mensch.

Kathrin Meyer
Kathrin Meyer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am LIT Robopsychology Lab der Johannes Kepler Universität Linz. Bild: Universität Linz

Wie sollte eine Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) organisiert sein?

„Die Frage, ob ich morgen noch einen Job habe, wiegt für mich stärker, als zu explorieren, was für Vorteile die Veränderung mit sich bringt“, erläutert Dr. Paul Endrejat, Post-Doc am Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Hamburg. Viele Menschen haben ein unwirkliches Bild von Robotern und fürchten, dass sie ersetzt werden können, bestätigt auch Kathrin Meyer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am LIT Robopsychology Lab der Johannes Kepler Universität Linz.

Die Medien verstärkten dieses Bild oft durch menschenähnliche Roboter, die alle Fähigkeiten perfekt beherrschen. „Roboter können einzelne Arbeiten übernehmen, zum Beispiel eine Schraube eindrehen oder ein Blech stanzen, aber alles darüber hinaus können sie nicht. Es ist ganz wichtig, dass man nicht davon ausgeht, dass Roboter irgendwann unsere Fähigkeiten und Eigenschaften ersetzen können, sondern, dass man das Potential nutzt, sich im Rahmen der MRK optimal zu ergänzen“, berichtet die Expertin.

Informiert bleiben zum Thema Robotik!

Erhalten Sie jede Woche unsere Updates rund um das Thema Robotik im Handwerk und im Mittelstand. Sichern Sie sich noch heute ihren Vorsprung in Sachen Automatisierung!

Newsletter hier kostenfrei bestellen.

Soll heißen: Nehmen Roboter Menschen in der Produktion sich wiederholende eintönige Routineaufgaben ab, können Mitarbeiter in dieser Zeit kreativ werden. Algorithmen lernen auf Basis bestehenden Wissens. Die Fähigkeit aber, vorauszuahnen, was Kunden in Zukunft möchten und sich dabei auch auf sein Bauchgefühl zu verlassen, das können bisher nur Menschen, weiß Endrejat. Und wenn eine Veränderung einmal erfolgreich gemeistert sei, wachse die erlebte Selbstwirksamkeit der Mitarbeiter, auch kommende Neuerungen bewältigen zu können.

Dr. Paul Endrejat
Dr. Paul Endrejat ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Hamburg. Bild: Universität Hamburg

Mensch-Roboter-Kollaboration: Wie nehmen Sie Ihren Mitarbeitern die Angst?

„Man sollte es vermeiden, von Ängsten zu sprechen, sondern von berechtigten Sorgen." Denn diese seien es für die Mitarbeiter, erklärt Dr. Endrejat. Zudem komme es bei der Implementierung der neuen Maschinen immer auch auf die Reichweite an:

  • Sollen, beispielsweise in einem metallverarbeitenden Betrieb, halbautomatische oder vollautomatische Schweißroboter eingeführt werden?
  • Besteht weiterhin die Möglichkeit am Prozess mitzuwirken, weil kollaborierende Roboter eingesetzt werden sollen?

Mitarbeitern sollten außerdem die Ziele des Managements durch die Einführung der Robotik (der Mensch-Roboter-Kollaboration) plausibel gemacht werden - also Ziele wie:

  • Der Betrieb soll wachsen oder die Produktion soll effizienter werden.
  • Mitarbeiter sollen nicht die immer gleichen Tätigkeiten, wie am Fließband absolvieren.
  • Zudem soll die Präzision steigen, Unfälle sollen abnehmen und die Sicherheit steigen (Gefährdungsbeurteilung). Schweißroboter zum Beispiel sollen ein Mittel sein, um diese Ziele zu erreichen.

Das machen Roboter in Zukunft mit unserer Arbeit. Quelle: next Robotics

Um den Mitarbeiter diese Ziele näher zu bringen, empfiehlt der Arbeitspsychologie-Experte einen moderierten Workshop, in dem aktuelle Entwicklungen in der Industrie diskutiert werden. Auch mit Blick auf die Konkurrenz könnten auf diese Weise eigene Verbesserungspotenziale erkundet werden.

"Im Optimalfall ist vor diesem Workshop die endgültige Entscheidung, welche Art von Robotern eingeführt werden sollen, noch nicht gefallen", erklärt Endrejat. So solle auch das Management in der Diskussion neue Dinge von den Mitarbeitern, die an den Maschinen arbeiten, lernen und seine Entscheidung über den richtigen Roboter im Rahmen der angestrebten MRK ausrichten. Dieses Zuhören beider Seiten sei nicht einfach nur Psychologie, sondern berücksichtige vor allem das Streben nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit der Menschen in der Produktion, erklärt Endrejat.

Auch Expertin Kathrin Meyer rät dazu, das Hauptaugenmerk auf die Kommunikation mit den Menschen im Unternehmen zu richten und diese von Anfang an einzubinden. Sie empfiehlt, die Ziele der Geschäftsführung transparent zu kommunizieren. Auch Besuche bei Referenzbetrieben und Gespräche mit Kollegen, die diese Technik bereits im Einsatz haben, können helfen Berührungsängste abzubauen. „Es ist einfacher zu verstehen, wenn man den Roboter richtig im Einsatz gesehen hat und nicht in einem Video oder im Messeumfeld“, berichtet die Expertin für Arbeitspsychologie.

Wichtig ist es auch, im Vorfeld zu klären, welche Aufgaben der Roboter innerhalb der Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) übernehmen soll. So fällt es Menschen natürlich einfacher ungeliebte Arbeits-Aufgaben abzugeben als liebgewonnene Tätigkeiten. „Führungskräfte müssen auf ihre Mitarbeiter Rücksicht nehmen und ständig kommunizieren, dass der Roboter den Menschen nicht ersetzen, sondern ergänzen soll“, erläutert Meyer.

Noch mehr Infos: Über diesen Link gelangen Sie zur Forschung des LIT Robopsychology Lab an der Johannes Kepler Universität Linz.

Mitarbeiter arbeitet mit Roboter zusammen
Die Zusammenarbeit muss harmonisch sein - nicht ersetzen, sondern ergänzen, lautet die Devise. Bild: Universal Robots

Arbeitspsychologie: Wie Sie Ihre Mitarbeiter optimal auf Veränderungen vorbereiten

Logische Argumente und Überzeugungen helfen höchstens in Ausnahmefällen, Menschen für Veränderungen zu begeistern. Auch Führungskräfte irren häufig, wenn sie denken, es genüge, inspirierende Reden halten, weil sich ihre Mitarbeiter häufig nicht trauen, zu widersprechen. Zumindest nicht, bis sie in der Teeküche unter sich sind, weiß Endrejat zu berichten.

Während der Einführung neuer Schweißroboter wird laut Endrejat sicher viel Unvorhergesehenes bei der Arbeit passieren. Darum müssen sich Mitarbeiter in die Ziele der Veränderungen hineindenken und bei Ungereimtheiten Lösungen finden. Sie müssen also selbst viel Veränderungs-Unterstützung leisten. Durch Dienst nach Vorschrift wird die Veränderung entweder scheitern oder zumindest nicht den vollen, gewünschten Effekt mit sich bringen, so der Psychologie-Experte.

Frau bedient Roboter mit VR-Brille
Kathrin Meyer mit VR-Brille. Um die Vorteile der MRK zu verstehen, gilt es tief in das Thema einzutauchen, weiß die Expertin. Bild: Universität Linz

Häufig formulieren Managementratgeber, dass Mitarbeiter intrinsisch motiviert sein sollen. Doch intrinsische Motivation beschreibt ein Verhalten, das um seiner selbst willen ausgeführt wird wie beispielsweise das Schachspiel eines Schachamateurs. Doch im Kontext Arbeit kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Aktivitäten nicht die Quelle einer inhärenten Freude sind oder werden. Stattdessen sei es wichtig, dass Mitarbeiter die Gründe und Ziele hinter einer Veränderung verinnerlichen. Das bedeute, dass sie ein Verhalten nicht ausführen, weil sie sich kontrolliert fühlen, sondern weil sie es bewusst als ihre autonome Entscheidung verstehen entsprechend zu handeln, erläutert Dr. Endrejat.

jaehrliche weltweite installation von industrierobotern
So viele Roboter setzt alleine schon die Industrie jedes Jahr neu ein. Grafik: Statista

Grafik oben: https://de.statista.com/infografik/21422/jaehrliche-weltweite-installation-von-industrierobotern/

Um dieses Verinnerlichen zu fördern, müssen die drei psychologischen Grundbedürfnisse der Mitarbeiter nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit berücksichtigt werden:

  • Autonomie beschreibt das Bedürfnis des Menschen, das Selbst als Ursprung und treibende Kraft seines Handelns zu verstehen.
  • Kompetenz beinhaltet das Gefühl, effizient mit externen Anforderungen umgehen zu können und die Fähigkeit zu besitzen, Ergebnisse zu beeinflussen. Dies gebe Sicherheit.
  • Soziale Eingebundenheit beinhaltet das Bedürfnis, Resonanz mit anderen zu erfahren und unterstützende soziale Beziehungen zu pflegen. Besonders in mittelständischen Unternehmen, ohne viele Hierarchien und formellen Prozessen, können diese drei Grundbedürfnisse am besten berücksichtigt werden, wenn Mitarbeiter möglichst viel an der Veränderung mitgestalten können, weiß Endrejat aus seiner Erfahrung. Das bestätigt auch Frau Meyer: „Ideal ist es den Mitarbeiter von Anfang an in die Anforderungsanalyse miteinzubeziehen.“

Fazit: Roboter-Einsatz ganzheitlich denken!

Wenn sich ein Unternehmen Gedanken über die Einführung eines Roboters macht, sollte es Meyer zu Folge daher nicht nur überlegen, welche Aufgaben die Robotik besser, schneller und einfacher erledigen kann. Empfehlenswerter ist es, die etablierten Prozesse zu betrachten:

  • Wie arbeiten die Menschen?
  • Wo arbeiten sie?
  • Was für Prozesse gibt es?

Hier gilt es von Anfang an den Menschen miteinzubeziehen, auf seine Bedürfnisse einzugehen und alles transparent und so informativ wie möglich zu kommunizieren.

Kostenlose Registrierung

Bereits registriert?
*) Pflichtfeld

Sie sind bereits registriert?