Ein humanoider Cobot hält sich im Zimmer einer pflegebedürftigen Person auf

Im Pflegebereich kommen in der Regel humanoide Roboter zum Einsatz. Das soll die Hemmschwelle beim Kontakt zwischen den Pflegebedürftigen und dem Cobot senken. (Bild: Adobe Stock)

Wieviele Demenzkranke gibt es in Deutschland?

Wie die Deutsche Alzheimer Gesellschaft in ihrem Jahresbericht 2020 schreibt, erkranken jeden Tag 900 Menschen in Deutschland an einer Form der Demenz. So leben derzeit 1,7 Millionen Patienten mit dieser unheilbaren Krankheit. Um dieser Anzahl an Patienten in der medizinischen Pflege gerecht zu werden, braucht es gut ausgebildetes Pflegepersonal. Nur das ist, ähnlich dem Handwerk und der Industrie, sehr rar. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln fehlen in der stationären Versorgung bis zum Jahr 2035 rund 307.000 Pflegekräfte. Die Versorgungslücke im Pflegebereich insgesamt könnte bis zum Ende des Jahres 2022 auf insgesamt knapp 500.000 Fachkräfte wachsen.

Balkengrafik zeigt den prognostizierter Bedarf an stationären und ambulanten Pflegekräften in Deutschland bis zum Jahr 2035
Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln könnten in Deutschland in der stationären Versorgung bis zum Jahr 2035 rund 307.000 Pflegekräfte (* Vollzeitäquivalent) fehlen. Die Versorgungslücke im Pflegebereich insgesamt könnte sich bis zu diesem Jahr auf insgesamt knapp 500.000 Fachkräfte vergrößern. (Bild: Statista)

Welche Hürden es für die Pflegerobotik gibt

Wo keine Fachkräfte sind, müssen Alternativen her. Im Gesundheitswesen ist die Roboter-gesteuerte Hilfskraft im Operationssaal längst angekommen. Mit Robotern kennen sich Chirurgen aus. Im Pflegeheim steht die Digitalisierung jedoch noch auf wackligen Füßen. Diese Tatsache hat mehrere Gründe. Zum einen ist die medizinische Pflege von Patienten ein Akt, der sehr viel Vertrauen und Einfühlungsvermögen erfordert - Eigenschaften, die eher Menschen zugesprochen werden als Robotern. Zum anderen ist die Pflegekasse ein Politikum, über das viel diskutiert wird, aber das keine grundlegende Reformierung erhält. Zwei Faktoren, die eine Digitalisierungsoffensive noch bremsen.

Wo die Pflege aufgrund ihres Personalnotstandes die Bremse bereits gelockert hat und wo der Roboter im Patientenkreis sozialisiert werden kann, zeigt Kollegeroboter.de.

Welche Pflegeroboter es für Demenzkranke gibt

Sie sind niedlich, hilfsbereit und motivierend. Dort, wo die Kräfte der verbliebenen Pflegerinnen und Pfleger nicht mehr für die wachsende Zahl ihrer Patienten ausreichen, wuseln “Paro”, “Pepper” oder “Mario” durch die Gänge. Die kollaborativen Assistenzroboter treten mit den Bewohnern der Einrichtungen auf verschiedene Weise in Kontakt: Sie sprechen mit ihnen, spielen Gesellschaftsspiele wie Memory und sorgen mit ihrer smarten Technik für weitere unterhaltende Momente der Bewohner.

Das technische Potenzial der Pflege-Cobots ist für die Altersklasse der pflegebedürftigen Bewohner marktreif. Mit Hilfe von hochmoderner Sensorik scannen die Pflegeroboter heute Gesichter, KI-basierte Softwarekomponenten erkennen Unregelmäßigkeiten bei der Medikation und das digitale Gehirn der Cobots dokumentiert in Sekundenbruchteilen alle Krankenakten der Bewohner. Ihre Stärke zeigen diese Roboter vor allem im Bereich der Dokumentation und motorischen Aktivierung der Heimbewohner.

Das Youtube-Video zeigt, wie die japanische Roboter-Robbe Paro bei den Demenzkranken in einer Pflegeeinrichtung ankommt.

Wo die Pflegerobotik begonnen hat

Die Anfänge der Robotik im Pflegebereich sind noch frisch. Erst mit dem europaweiten Projekt “Mario” startete die Digitalisierungsoffensive für ausgewählte Pflegeeinrichtungen. In der Testphase konfrontierten die Wissenschaftler unter Mitwirkung von Siegfried Handschuh, Professor für Informatik mit Schwerpunkt Digital Libraries and Web Information Systems an der Universität Passau, die Roboter mit unterschiedlichen Krankheitsbildern aus Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen sowie Alten- und Pflegeheimen. Über die Sprache erhielt Pflegeroboter Mario seine Einsatzbefehle. Mit passendem Fortbewegungsmittel rollte er durch Wohnungen und Patientenzimmer. Der Roboter sollte aber nicht motorisch mit den Betroffenen arbeiten, sondern auf Beobachtungsmission gehen. Er entdeckte Unregelmäßigkeiten im Klinikalltag und kommunizierte mit den Patienten. Die Europäische Union sponserte das Projekt 2017 mit einer Fördersumme von vier Millionen Euro.

Das Bild zeigt den Kopf des japanischen Roboters Pepper, der häufig im Pflegebereich eingesetzt wird.
Der mittlerweile nicht mehr produzierte japanische Roboter Pepper setzte stark auf das Kindchen-Schema, um die Demenzkranken nicht zu erschrecken. (Bild: Pixabay)

In Österreich, genauer gesagt in der Steiermark, ging man einen ähnlichen Weg. Das Projekt “Amigo” wurde unter der Federführung Dr. Lucas Palettas von der Joanneum Forschungsgesellschaft durchgeführt. Die Wissenschaftler stellten 20 Demenzerkrankten in ihrem privaten Zuhause den Roboter “Pepper” zur Verfügung. Pepper animierte die Bewohner zu wichtigen Bewegungsübungen. Durch Spiele und Übungen trainierte er ihr Gedächtnis. Als Quizmaster testete er regelmäßig auch das Wissen der Bewohner.  

Animation und Dokumentation als Hauptaufgaben der Roboter

Der Fokus dieser Roboterentwicklung liegt auf der kognitiven und motorischen Animation der Demenzkranken. Außerdem dokumentiert er die Medikamenteneinnahme und beobachtet das Ess- und Trinkverhalten. Als Terminassistent erinnert er die Patienten auch an Behandlungen oder andere wichtige Ereignisse im Alltag. Pepper verfügt zudem über ein Tablet, auf dem auch Fotoalben oder Musik abgespielt werden können. Der integrierte Tablet-PC besitzt viele weitere Programme, die den Bewohnern und angestellten Pflegekräften nützlich sind.

Das Projekt Amigo gehörte zu einem der ersten Projekte, die den Einsatz von Pflegerobotern im häuslichen Umfeld analysiert hat. Bislang wurden die Roboter-gesteuerten Geräte nur in Krankenhäusern oder Pflegeheimen eingesetzt.

Chancen der Digitalisierung im Pflegebereich

Bei all dem technischen Fortschritt in der Robotik lassen sich für Pflegeroboter künftig neue Einsatzfelder erschließen: So ermöglichen immer intelligentere Tastsensoren verschiedene Pflegetätigkeiten wie Waschen und anderer Körperhygiene. Smarte Matratzen monitoren das Schlafverhalten der Patienten und melden auffällige Aktivitäten, so dass die menschliche Pflegekraft entlastet wird. Bei Demenz-erkrankten Personen ist die Bettflucht keine Seltenheit. Auch hier könnten Sensoren ungewöhnliche Bewegungen an die Pflegestation melden. Sie leisten den Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe ‒ für ein selbstbestimmtes Leben, das durch die Demenz immer mehr an Kontur verliert.

Dazu gehören zum Beispiel die schrittweise erklärten Bedienungsanleitungen für elektrische Küchengeräte oder der Hinweis auf die richtige Reihenfolge beim täglichen Ankleiden. Neben der Motivierung der Bewohner sollten Pflegeroboter durch eine ausgefeiltere KI noch individueller auf Emotionen der pflegebedürftigen Bewohner eingehen. Motivierende Gesten, Worte und Mimiken könnten die Roboter noch gezielter Lob, Witz und Aufmunterung ausdrücken. Eindruck braucht Ausdruck: diese Impressionen aktivieren die Bewohner zu einer sozialen Interaktion. Interaktionen, die sie vielleicht vergessen oder verdrängt haben ‒ Lichtschimmer in den verdunkelten Wahrnehmungen.

Pflegeroboter sind nicht sozialversicherungspflichtig, sichern aber das soziale Leben der Bewohner ab. Entscheider sollten sich nicht von den hohen Anschaffungskosten demotivieren lassen, denn sie investieren in ein noch höheres Gut: die Würde des Menschen ‒ Menschen, die Hilfe brauchen. Eine Hilfe, die von uns Menschen nicht mehr ausreichend geleistet werden kann. Digitalisierung ersetzt keine menschliche Zuwendung, sie kann aber unterstützen, entlasten und zeitintensive Arbeit auf die Schultern der Roboter verlasten.

Buchtipp zum Thema Pflege-Robotik

Titelseite des Buches "Als die Demenz bei uns einzog und ich mir einen Roboter wünschte
(Bild: Ibidem-Verlag)

Die Redaktion empfiehlt das Buch mit dem Titel “Als die Demenz bei uns einzog und ich mir einen Roboter wünschte ‒ Innenansichten eines Demenzalltags” von Autorin Dr. Anke Knopp. Das Buch ist am 20. Juni 2020 im Ibidem-Verlag in erster Auflage erschienen.

Zentrales Thema dieses Buches ist Demenz als neue Volkskrankheit. Anke Knopp er- und durchlebte in der eigenen Familie gleich zwei akute Fälle, begleitete sie und erlebte so jahrelang den Alltag von und mit Dementen. Sie berichtet von dieser Zeit – und gibt emotionale und berührende Einblicke in die private Betreuung von an Demenz Erkrankten, vom Leben zuhause bis zur Unterbringung in einer Demenz-Wohngemeinschaft. Selbst bekennende Digitalenthusiastin, reflektiert Anke Knopp darüber hinaus, was alles unter Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) bereits möglich ist oder sehr bald sein wird – stets nachdenklich, aber voller Faszination und immer mit Blick auf den Menschen. Vieles spricht dafür, dass bald Roboter umfassend in der Pflege eingesetzt werden, Demenzkranke betreuen – und dass KI-Systeme deren nimmermüde zuhörende Gesprächspartner sein werden.

Doch welche ethischen Fragen wirft ein Abschieben von hilflosen Menschen in die Arme von Computern auf? Wer legt das Verhalten der Systeme fest? Ist die KI Fluch oder Segen für den Umgang einer Gesellschaft mit ihren Alten? Und: Ist die Entwicklung unausweichlich? Die derzeit aktive Generation entscheidet, wie sie selbst im Alter leben – und gepflegt – werden möchte. Es ist an der Zeit, dass wir unvoreingenommen die technischen Möglichkeiten abwägen und durchdenken. Anke Knopps sehr lesenswertes Buch liefert wichtige Anstöße – bei weitem nicht nur für die Angehörigen an Demenz Erkrankter.

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